Eine Karte, die etwas sagt — und mehr verschweigt
Vor mir liegt eine Doppelseite der lokalen Tageszeitung. Eine Choroplethen-Karte des Landkreises Gießen, mit Werten für jede Gemeinde: Bildung, Gesundheit, Mobilität, Digitales, Freizeit. Wettenberg im Mittelfeld, Rang 1.855 von 10.817. Allendorf/Lumda mit Rang 6.020 erstaunlich weit hinten, Rabenau noch ein Stück tiefer. Gießen-Stadt auf Rang 69 — bundesweit unter den top 0,7 Prozent. Linden ordentlich, Lich solide, Hungen und Laubach im hinteren Drittel. „Gute Ergebnisse im Gemeindecheck“ titelt die Zeitung freundlich.
Die Karte stammt aus einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln): „Geographien der Unzufriedenheit — Daseinsvorsorge“, veröffentlicht am 25. Mai 2026. Die Autorinnen und Autoren — Matthias Diermeier, Konrad Doliesen, Melinda Fremerey, Hendrik Böhmer, Jan Engler, Jan Wendt — haben etwas getan, das es so noch nicht gab: Sie haben für 10.941 Gemeinden in Deutschland 17 Indikatoren in fünf Bereichen (Digitales, Gesundheit, Mobilität, Freizeit, Bildung) erhoben und mit einer geokodierten Befragung von über 5.000 Personen gekoppelt. Damit lässt sich erstmals systematisch fragen, ob die gefühlte Versorgungslage mit der tatsächlichen Lage zusammenhängt.
Zwei Sachen muss man dem Beitrag fairerweise vorab sagen. Erstens: Das Gutachten wurde im Auftrag der Philip Morris GmbH erstellt. Das steht auf der Studienseite selbst, und es ändert nichts an der Sorgfalt der erhobenen Daten, aber es prägt die Auswahl der Indikatoren und die politische Lesart. Wohnen — Mieten, Kostenbelastung, Sozialwohnungsbestand — wurde nicht untersucht. Das ist keine Petitesse. Es ist eine Lücke. Zweitens: Die Methodik ist transparent und das Datenmaterial wird öffentlich bereitgestellt; die Studie lädt zur Diskussion ein, nicht zur Endgültigkeit.
Was die Studie tatsächlich findet
Drei Befunde verdienen ernstes Hinschauen.
Erstens: Die Mehrheit ist zufrieden. 53,2 Prozent der Befragten bewerten die Daseinsvorsorge im eigenen Umfeld positiv. In Städten 55,2 Prozent, im ländlichen Raum 45,1 Prozent. Das ist eine Lücke, aber keine Kluft. Wer den Eindruck hat, das Land sei kollektiv unzufrieden, sollte hier kurz innehalten.
Zweitens: Wo objektiv besser versorgt wird, ist die Zufriedenheit höher. Das klingt trivial, ist aber empirisch wichtig: Versorgung ist nicht egal. Wer länger als 30 Minuten zum nächsten Hausarzt fahren muss, in einer Region mit langsamem Internet und unzuverlässigem ÖPNV lebt, ist im Schnitt unzufriedener mit dem Staat als Menschen mit guter Anbindung. Das ist eine empirische Basis für die Forderung, dass Daseinsvorsorge ist kein Luxus, sie ist Demokratie-Infrastruktur.
Drittens — und hier wird es politisch heikel: Für die Frage, wie zufrieden Menschen mit der Demokratie sind und ob sie AfD wählen, dominiert die subjektive Wahrnehmung über die objektive Lage. Wörtlich aus der Studie: „Sowohl für die wahrgenommene Leistungsfähigkeit der Politik, die Demokratiezufriedenheit, die Unterstützung der AfD sowie das Gefühl des regionalen Abgehängtseins spielen tatsächliche Daseinsvorsorgeangebote eine untergeordnete Rolle.“ Allein in der AfD-Anhängerschaft überwiegt der Anteil derer, die die Daseinsvorsorge negativ bewerten — selbst dann, wenn man das Wohnumfeld und sozio-demografische Merkmale kontrolliert. Wahrnehmung schlägt Realität.
Das ist eine Aussage mit doppeltem Boden.
Die Lesart, die zu einfach ist
Die naheliegende — und ehrlich gesagt, von Teilen des wirtschaftspolitischen Mainstreams genau so verkaufte — Schlussfolgerung lautet: Wenn Unzufriedenheit nicht aus tatsächlicher Unterversorgung kommt, dann muss man kein Geld in Daseinsvorsorge stecken, sondern bessere Kommunikation machen. Wir haben kein Versorgungsproblem, wir haben ein Erzählungsproblem.
Das ist die bequeme Lesart. Sie passt zu einem Auftraggeber, der gerne weniger Staatsausgaben und weniger Steuern hätte. Sie ist trotzdem zur Hälfte richtig und zur Hälfte gefährlich.
Richtig ist: Wer in einer gut versorgten Region lebt und sich abgehängt fühlt, hat eine politische und kulturelle Realität, die durch mehr Buslinien nicht aufgehoben wird. Auch in Wettenberg, das im Vergleich der Republik nicht schlecht dasteht, höre ich Sätze wie „die da oben tun ja eh nichts“ — selbst wenn z.B. vorher konkrete Beschlüsse zur Sanierung von Sportstätten oder zum Radwegausbau gefasst wurden. Da ist eine Diskrepanz zwischen tatsächlicher Politik und gefühlter Wirkung, die kommunalpolitisch nicht trivial ist.
Falsch ist: zu schließen, dass deshalb Investitionen in Daseinsvorsorge unwichtig sind. Die Studie selbst räumt ein, dass objektiv bessere Versorgung subjektiv höhere Zufriedenheit erzeugt. Mehr Daseinsvorsorge wirkt — sie wirkt nur nicht allein, weil politische Entfremdung mehrere Treiber hat. Wer A sagt (Wahrnehmung zählt), muss B sagen (Wahrnehmung kommt aus etwas — aus Lebenslagen, aus medialen Deutungsangeboten, aus dem Eindruck, dass das eigene Leben gegen den Lauf der Welt verliert).
Und damit sind wir bei einem Thema, das in der Studie konsequent ausgespart bleibt — und das die größere Erklärlücke schließt.
Die Lücke heißt Verteilung
Deutschland ist objektiv gesehen ein wohlhabendes Land. Es ist auch ein Land, in dem dieser Wohlstand extrem ungleich verteilt ist. Drei Zahlen sind hier zentral; alle drei aus öffentlich zugänglichen, seriösen Quellen.
- Das reichste 1 Prozent hält rund 35 Prozent des Nettogesamtvermögens. Die reichsten 10 Prozent halten — je nach Erhebung und ob Multimillionäre und Milliardäre nachgeschätzt werden — zwischen rund 50 und etwa 67 Prozent. Die untere Hälfte der Bevölkerung verfügt zusammen über weniger als 1,5 Prozent.
- Der Gini-Koeffizient der Vermögen liegt in Deutschland aktuell bei ungefähr 0,73 bis 0,77 — einer der höchsten in der Eurozone. Zum Einordnen: 0 bedeutet vollkommen gleiche Verteilung, 1 bedeutet ein Mensch besitzt alles.
- Laut Oxfam-Bericht zur sozialen Ungleichheit 2026 ist die Zahl der Milliardärinnen und Milliardäre in Deutschland 2025 um ein Drittel auf 172 gestiegen; ihr Gesamtvermögen wuchs inflationsbereinigt um 30 Prozent auf 840 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig lebt etwa jeder fünfte Mensch in Deutschland in Armut oder ist armutsgefährdet.
Die Bundesregierung hat 2016 im Rahmen der Strategie „Gut leben in Deutschland“ zwölf Lebensqualitäts-Dimensionen mit 46 Indikatoren definiert. Unter den Indikatoren stehen — neben Lebenserwartung, Bildungsmobilität, Wahlbeteiligung — explizit auch der Gini-Koeffizient der Einkommen, der Gini-Koeffizient der Vermögen und die Armutsrisikoquote. Das ist bemerkenswert, weil es bedeutet: Die Bundesregierung selbst hat schon vor zehn Jahren anerkannt, dass „gut leben“ nicht ohne Frage der Verteilung beantwortet werden kann. Was fehlt, ist seit zehn Jahren die politische Konsequenz daraus.
Piketty und die historische Wahrheit
Thomas Piketty, der französische Ökonom, hat 2022 in „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“ eine schlichte historische Erinnerung in den Raum gestellt: Die Vermögenskonzentration, in der wir heute leben, ist nicht ein Naturzustand. Sie ist gemacht — durch Politik, durch Steuern, durch Eigentumsrechte, durch Bildungssysteme.
Pikettys Zahlen für Frankreich sind anschaulich: 1780 hielten die reichsten ein Prozent mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens. Anfang des 20. Jahrhunderts war ihr Anteil auf unter 20 Prozent gefallen — als Folge zweier Weltkriege, progressiver Einkommens- und Erbschaftsteuern, gewerkschaftlicher Organisation und einer politischen Mehrheit, die Verteilungspolitik gewollt hat. Seit den 1980er Jahren steigt der Anteil wieder — auf inzwischen rund 25 Prozent. Das ist kein Schicksal. Das ist das Ergebnis politischer Entscheidungen, die seit Reagan und Thatcher in eine Richtung getroffen wurden.
Piketty schlägt vor, was unter heutigen Mehrheitsverhältnissen wie eine Provokation klingt und historisch betrachtet einfach nur normal wäre: eine progressive Vermögensteuer, eine erhebliche Reform der Erbschaftsteuer mit deutlich höheren Sätzen für sehr große Vermögen, eine Bildungsfinanzierung, die nicht über die Herkunft der Eltern entscheidet, und das Ende der Pro-Markt-Ideologie als politische Selbstverständlichkeit.
Die Zentralfrage seines Buches ist die, um die wir hier herum schreiben: Wie wird formal-juristische Gleichheit sozial wirklich? Eine Demokratie kann das Gleichheitsversprechen ihrer Verfassung nicht dauerhaft glaubwürdig halten, wenn Vermögen, Bildungschancen und politische Einflussmöglichkeiten so verteilt sind wie in Deutschland 2026.
Wer blockiert das — und warum
Hier wird es konkret, und es muss konkret werden, weil sonst der Beitrag ins Allgemeine ausweicht.
Die wichtigste Verteilungspolitik der letzten zwei Jahrzehnte fand nicht statt. Eine Vermögensteuer existiert in Deutschland faktisch seit 1997 nicht mehr; sie wurde damals vom Bundesverfassungsgericht in ihrer alten Form für unzulässig erklärt, und keine Bundesregierung hat sie seitdem reformiert wieder eingeführt. Die Erbschaftsteuer wird durch eine Reihe von Ausnahmeregelungen für Betriebsvermögen so weit ausgehöhlt, dass die größten Erbschaften effektiv niedriger besteuert werden als mittlere; das ist mehrfach durch Wirtschaftsdienst-Beiträge und DIW-Analysen dokumentiert. Spitzensteuersätze sind seit den 1990er Jahren gesunken.
Betrachten wir die Positionen der Parteien zur Bundestagswahl 2025 und in den ersten Monaten der aktuellen Legislatur. Quellen: Wahlprogramme, Haufe-Steuerübersicht, JUHN Partner-Vergleich, DIW-Wochenbericht 106/2025.
- CDU/CSU lehnen eine Vermögensteuer ab. Sie wollen die Freibeträge bei der Erbschaftsteuer anheben — also die Steuerlast für vermögende Erben senken. Den Spitzensteuersatz wollen sie erst ab 80.000 € Jahreseinkommen greifen lassen (bisher knapp 70.000 €). Das wirtschaftspolitische Wahlprogramm der Union 2025 enthält ausdrücklich keine Forderungen für strengere Regulierung von Parteispenden, Lobbying oder mehr Transparenz.
- FDP lehnt eine Vermögensteuer ab. Sie befürwortet eine automatische Inflationsanpassung der Erbschaftsteuer-Freibeträge — was die Steuer schleichend weiter aushöhlt.
- AfD lehnt eine Vermögensteuer ab und fordert die vollständige Abschaffung der Erbschaftsteuer.
- Freie Wähler fordern in ihrem Bundestagswahlprogramm 2025 ausdrücklich die vollständige Abschaffung der Erbschaft- und Schenkungsteuer. Zur Vermögensteuer äußert sich das Programm nicht konkret; die generelle steuerpolitische Linie ist gegen Mehrbelastung Vermögender gerichtet.
Das ist keine Spekulation und keine Polemik. Es ist die dokumentierte Position vier programmatisch konservativer bis rechtsextremer Parteien zu der Frage, ob die größte Vermögensungleichheit der Eurozone politisch reduziert werden soll. Die Antwort ist: nein. Im Gegenteil.
Sind das Lobby-Einflüsse?
Die Frage, die ich mir hier stelle und offen weitergebe, ist eine ehrliche. Sie ist auch eine, bei der wir präzise sein müssen — sonst rutscht der Beitrag ab in die Tonart, die im aktuellen politischen Klima sowieso überlastet ist.
Drei Dinge lassen sich seriös sagen.
Das erste ist belegt: Die personelle Verflechtung zwischen Bundestagsabgeordneten der Union und wirtschaftlichen Interessenslagen ist nachweisbar. LobbyControl und abgeordnetenwatch.de dokumentieren das jährlich. In der laufenden Legislatur weist Sebastian Brehm (CSU) Einkünfte aus seiner Steuerberatungskanzlei von etwa 3,5 Millionen Euro aus, Albert Stegemann (CDU) als Landwirt einen Umsatz von über 7,8 Millionen Euro. Beide zusammen melden seit der letzten Wahl rund 15 Millionen Euro Nebeneinkünfte. Nach den Masken- und Aserbaidschan-Affären gilt seit 2021, dass bezahlte Interessenvertretung für Dritte parallel zum Mandat verboten ist — verbleibende Nebeneinkünfte aus eigener gewerblicher Tätigkeit sind aber weiterhin zulässig und nehmen erheblich zu.
Das zweite ist strukturell: In Deutschland überlappen sich politische Spitzenpositionen und Wirtschaftsdynastien in einer Weise, die in Skandinavien oder den Niederlanden so nicht existiert. Markus Söder (CSU), bayerischer Ministerpräsident, ist mit Karin Baumüller-Söder verheiratet, die als Diplom-Kauffrau gemeinsam mit ihrem Bruder Andreas Baumüller zu 100 Prozent Gesellschafterin der Baumüller Holding ist — eines familiengeführten Industrieunternehmens für Antriebs- und Automatisierungstechnik aus Nürnberg. Das ist eine sachliche, öffentliche Information; das Unternehmen ist mittelständisch, nicht börsennotiert, konkrete Familienvermögen sind in Deutschland privatrechtlich geschützt und werden nicht veröffentlicht. Was sich sachlich sagen lässt: Politische Akteure aus Union und FDP entscheiden über Vermögens-, Erbschaft- und Unternehmenssteuer in einem persönlichen Umfeld, in dem solche Steuern unmittelbar das Familienleben oder das familiäre Umfeld betreffen können. Dass das die politische Positionierung kausal erklärt, lässt sich daraus nicht ableiten. Dass es die strukturelle Plausibilität bestimmter Politik erhöht, schon.
Das dritte ist parteiengeschichtlich: Die historisch enge Verbindung von Wirtschaftsverbänden — BDI, BDA, IW Köln, INSM — und Union/FDP ist gut dokumentiert und kein Geheimnis. Sie ist Teil eines politischen Systems, das die Bundesrepublik im Westen geprägt hat. Das ist nicht per se illegitim; eine Demokratie verträgt unterschiedliche Interessen, die organisiert und sichtbar Politik beeinflussen. Sie verträgt es schlechter, wenn nur eine Seite gut organisiert ist und Gewerkschaften, Mieterbund, Sozialverbände, Klimabewegung in Berliner Hinterzimmern systematisch weniger Gewicht haben als der Lobby-Apparat der Vermögenden.
Was Kommunalpolitik leisten muss
Die Frage vorne — was muss Kommunalpolitik leisten, um objektive Leistungsfähigkeit und subjektive Wahrnehmung übereinzubringen? — bekommt aus der Studie und der Verteilungsfrage eine doppelte Antwort.
Objektiv: weiter investieren. Wettenberg, Lollar, Gießen, Linden, Lich und die anderen Kommunen im Landkreis sind im bundesweiten Vergleich nicht schlecht aufgestellt. Aber „nicht schlecht“ ist keine Strategie. Hausärztliche Versorgung wird auch hier in den nächsten zehn Jahren dünner. Glasfaserausbau muss in den Ortsteilen bis 2030 abgeschlossen sein. Das Mittelhessen-Radwegenetz braucht Lückenschlüsse zwischen den Gemeinden. Schulgebäude brauchen Sanierung. Pflegeangebote brauchen Aufbau, nicht Erhalt.
Subjektiv: sichtbar machen und einbinden. Das ist die unterschätzte Seite. Wenn die Studie zeigt, dass selbst Menschen in gut versorgten Räumen sich abgehängt fühlen können, bedeutet das für die Wettenberger oder Gießener Politik: Beschlüsse, die in Ratsräumen mit drei Zuhörenden gefasst werden, werden in der Bevölkerung nicht ankommen. Es braucht Formate, in denen Menschen selbst Daseinsvorsorge mitgestalten. Bürgerräte zu konkreten Themen. Energiegenossenschaften. Schul-AG-Strukturen, die Verwaltung erfahrbar machen. Sichtbare Schritte, die nicht in Pressemitteilungen versickern.
Und: Kommunalpolitik darf nicht den Fehler machen, das Verteilungsproblem als Bundesthema wegzudelegieren. Die kommunalen Hebel sind begrenzt — aber sie existieren. Bezahlbarer Wohnraum durch kommunale Wohnungsgesellschaften. Bildungsteilhabe durch starke Kitas und Ganztagsschulen. Sozial gestaffelte Gebühren. Energiegenossenschaftliche Modelle, die lokale Wertschöpfung an die Bürgerschaft zurückgeben. Das alles wirkt gegen die strukturelle Ohnmacht, die der Vermögensungleichheit auf Bundesebene entspricht.
Was Bundespolitik müsste
Um im Bild zu bleiben: Was die Studie kommunal nahelegt — Versorgung und Kommunikation —, muss bundespolitisch durch Verteilung ergänzt werden. Drei Schritte wären realistisch, wenn die Mehrheiten dafür da wären:
- Vermögensteuer reformieren und wieder einführen, oberhalb einer hohen Freigrenze (Vorschläge im wissenschaftlichen Diskurs liegen oft bei 1 Million Euro Nettovermögen pro Person), progressiv gestaffelt, mit Ausnahmen für selbstgenutztes Eigenheim. Die DIW-Schätzungen zeigen ein realistisches Aufkommen von 10 bis 25 Milliarden Euro jährlich — Geld, das in Kommunalfinanzen, Bildung und Klimainvestitionen fließen könnte.
- Erbschaftsteuer entrümpeln, indem die großzügigen Ausnahmen für Betriebsvermögen begrenzt werden. Das Bundesverfassungsgericht hat das mehrfach angemahnt; die letzte Reform hat das Problem nicht gelöst.
- Bildungssystem entkoppeln — durch flächendeckende Ganztagsangebote, gebührenfreie Kita, kostenfreie Lernmittel, und durch eine Studienfinanzierung, die nicht den Status der Eltern reproduziert.
Das sind keine radikalen Vorschläge. Das sind Vorschläge, die in den meisten OECD-Ländern in Teilen Realität sind. Sie sind in Deutschland politisch blockiert — nicht weil sie undurchführbar wären, sondern weil die parlamentarischen Mehrheiten dagegen organisiert sind.
Was uns als Wählende bleibt
Eine ehrliche Sache zum Schluss. Die strukturelle Mehrheit gegen Verteilungspolitik in Deutschland ist nicht nur eine Frage der Parteien — sie ist auch eine Frage der Wählerschaft. CDU/CSU, FDP, AfD, FW kommen zusammen auf eine erhebliche Mehrheit. Die Menschen, die diese Parteien wählen, sind nicht alle vermögend; viele wählen sie aus Gründen, die mit Steuerfragen wenig zu tun haben. Das ist ein Befund, der zur IW-Studie zurückführt: Wahrnehmung schlägt Realität, auch hier.
Der Hebel, der bleibt: aufklären, ohne herablassend zu werden. Lokale Beispiele zeigen, in denen Verteilungspolitik funktioniert. Energiegenossenschaften, die Wertschöpfung zurückholen. Genossenschaftlicher Wohnungsbau. Faire Kommunalfinanzen. Sichtbar machen, dass die Frage „wer in einer Überflussgesellschaft was bekommt“ keine ideologische ist, sondern eine zutiefst praktische — und dass die Antwort eine Politik braucht, die für die Mehrheit da ist statt für eine sehr kleine, sehr vermögende Minderheit.
Das ist kein revolutionärer Akt. Das ist demokratische Arbeit.
Stand: Juni 2026. Quellen u. a.: IW Köln, „Geographien der Unzufriedenheit — Daseinsvorsorge“ (25. Mai 2026, Gutachten im Auftrag der Philip Morris GmbH); Bundesregierung: Gut leben in Deutschland; Thomas Piketty, Eine kurze Geschichte der Gleichheit (2022) — Übersicht u. a. bei Friedrich-Ebert-Stiftung; Oxfam-Bericht zur sozialen Ungleichheit 2026; DIW-Wochenbericht 106/2025 zu Steuerreformvorschlägen; LobbyControl: Nebeneinkünfte; abgeordnetenwatch.de; Wikipedia und Wirtschaftspresse zu Baumüller-Gruppe; bpb-Profile der Parteien zur Bundestagswahl 2025.
Diskussion erwünscht. Vor allem von Menschen, die mit den hier genannten Parteipositionen anders einverstanden sind als ich. Konkrete Gegenargumente helfen mehr als prinzipielle.

