Energiewende – Lorenz denkt öffentlich https://schirmer.net Alles was mich so bewegt. Politik, Klima, Energiewende, Zukunft, Perspektive, Liebe und Mitgefühl, Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaat, IT, IoT, Stuff Tue, 09 Jun 2026 20:17:27 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0 https://schirmer.net/wp-content/uploads/2025/08/cropped-icon-32x32.png Energiewende – Lorenz denkt öffentlich https://schirmer.net 32 32 Wenn die „verlässliche Grundlast” ins Schwitzen kommt https://schirmer.net/politik-gesellschaft/wenn-die-verlaessliche-grundlast-ins-schwitzen-kommt/ https://schirmer.net/politik-gesellschaft/wenn-die-verlaessliche-grundlast-ins-schwitzen-kommt/#respond Sun, 07 Jun 2026 05:05:14 +0000 https://schirmer.net/?p=104

Wie Frankreichs Atomkraft jedes Mal wackelt, sobald der Sommer kommt – und warum darüber kaum jemand spricht


Es ist Anfang Juni 2026, und in Hessen liegt der erste richtige Hitze-Vorgeschmack hinter uns. Im Rhein-Main-Gebiet kamen Ende Mai bis zu zwölf Sommertage und bis zu sieben heiße Tage über 30 Grad zusammen – eine vergleichbar frühe Häufung heißer Maitage gab es laut DWD zuletzt 1953. In Frankfurt am Main wurde am 26. Mai eine Spitze von 32,4 Grad gemessen, der bundesweite Höchstwert lag wenige Tage später im benachbarten Oberrheingraben bei rund 34 Grad. Bei mir zuhause war das kein Drama: Die Photovoltaikanlage auf dem Dach versorgt Büro und Haushalt, lädt das Auto, und die Wärmepumpe kümmert sich ums Warmwasser – und könnte das Haus bei Bedarf sogar kühlen. Unterm Strich bleiben meine Stromkosten praktisch gleich, egal wie heiß es draußen wird.

Beim großen Atomnachbarn sieht das anders aus. Dort wurde es schon nervös, bevor der eigentliche Hochsommer überhaupt begonnen hat.


Mai 2026: Hitzewelle erst angekündigt, Strompreis schon oben

Ende Mai 2026 rollte über Westeuropa die erste Hitzewelle des Jahres. In Paris wurden Tageshöchsttemperaturen von bis zu 33 Grad erwartet, in vielen französischen Regionen lagen die Werte 15 Grad oder mehr über dem langjährigen Durchschnitt. Die unmittelbare Folge an der Strombörse: Der französische Frontmonatspreis sprang am Dienstag, 27. Mai, zeitweise um bis zu 11,7 Prozent nach oben – auf 33,65 Euro je Megawattstunde, den höchsten Stand seit Ende März. Der Terminkontrakt für das dritte Quartal legte um bis zu 6,1 Prozent zu.

Der Auslöser war noch nicht einmal ein konkreter Ausfall, sondern die Sorge, dass die anhaltende Hitze zu Einschränkungen bei der Kernkraft führen könnte. Energieanalysten benannten sehr konkret die Risikokandidaten: die Reaktoren entlang von Rhône und Garonne – Bugey, Saint-Alban, Cruas, Tricastin und Golfech.

Und die Daten gaben ihnen recht. Die Wassertemperatur der Rhône war Ende Mai schon ungewöhnlich hoch: In Genf wurden 21,3 Grad gemessen – ein Rekordwert für den Monat Mai. Eine Woche zuvor hatte die Temperatur noch bei 13 Grad gelegen.

Quellen: Handelsblatt, „Hitzewelle: Französische Strompreise steigen wegen Atomkraftsorgen”, 27.05.2026; Telepolis, „Frankreich in der Hitzefalle”, Juni 2026.


Das ist kein Ausreißer. Das ist ein Muster.

Wer beim Stichwort „Atomkraft und Hitze” denkt, das sei eine seltene Ausnahme, sollte sich die letzten gut zwanzig Jahre ansehen. Es zieht sich wie ein roter Faden.

2003 – der Jahrhundertsommer. Frankreich muss seine Meiler reihenweise drosseln und lockert kurzerhand Umweltgrenzwerte, damit die Reaktoren weiterlaufen können. In der Schweiz wird das Atomkraftwerk Beznau über 50 Tage gedrosselt – die bislang längste Reduktion in der Geschichte des Werks.

2018 – wieder ein Hitzesommer. In der Schweiz wird die Temperatur der Aare unterhalb des AKW Beznau an mehreren Tagen deutlich über 25 Grad gemessen. Konsequenz: Das Bundesamt für Energie erlässt eine neue Verfügung, die genau diese Grenze rechtlich festschreibt – das AKW muss heruntergefahren werden, wenn die Aare drei Tage in Folge wärmer als 25 Grad ist.

2019 – das gleiche Spiel an Rhein und Rhône.

2022 – es wird grotesk. Anfang Juni stehen 29 der 56 französischen Reaktoren still – wegen Korrosionsproblemen, Wartung und Hitze gleichzeitig. Im Herbst ist die tatsächlich verfügbare Leistung zeitweise auf 27,1 Gigawatt begrenzt – von einer installierten Kapazität von 61,4 Gigawatt. Mehr als die Hälfte der Reaktoren liefert keinen Strom. Frankreich – jahrzehntelang Stromexporteur – muss erstmals netto Strom importieren, unter anderem aus Deutschland. An mehreren Standorten werden Umweltauflagen für die Kühlwassereinleitung „vorübergehend” gelockert, damit die Reaktoren überhaupt laufen können. Das AKW Saint-Alban an der Rhône wird zeitweise von 1.300 auf 260 Megawatt heruntergefahren.

2025 – wieder Hitzewelle, wieder die gleichen Standorte: EDF kündigt Drosselungen für Saint-Alban (direkt rhônegekühlt, ohne Kühltürme), Bugey und Blayais an. In der Schweiz erreicht die Aare am 29. Juni die kritische 25-Grad-Marke. Axpo drosselt Beznau zunächst auf 50 Prozent, dann wird Block 1 am 1. Juli komplett abgeschaltet, Block 2 wenige Tage später ebenfalls. Gleichzeitig läuft im Hintergrund ein Antrag von Axpo, die Regeln zu lockern – das eingeleitete Wasser soll künftig ein Grad wärmer sein dürfen, und die Abschaltung soll erst greifen, wenn die Aare an mindestens fünf Stunden pro Tag über 25 Grad ist (statt schon bei einmaliger Überschreitung). An Frankreichs Küste verstopfen außerdem Quallen die Filtertrommeln der Kühlung mehrerer Atomkraftwerke – eine Folge mariner Hitzewellen.

2026 – wir sind wieder da. Hitzewelle, steigende Flusstemperaturen, steigende Preise, dieselben Sorgenfalten.

Quellen: SRF, „Aare zu warm – AKW Beznau stellt wegen der Hitze auch zweiten Reaktor ab”, 03.07.2025; Axpo-Medienmitteilung, „Kernkraftwerk Beznau reduziert Leistung aufgrund hoher Aare-Wassertemperaturen”; iwr.de zur Drosselung von Saint-Alban und Bugey, Juni 2025; atommuellreport.de zu Stillständen 2022; nau.ch zur Drosselung Saint-Alban 2022; cleanthinking.de zur Bilanz 2022.


„Grundlastfähig” – aber bitte nur bei angenehmen Temperaturen

Wenn etwas in den vergangenen über zwanzig Jahren jeden ernsthaften Sommer ins Schwitzen kommt, dann lässt sich die Behauptung, es sei der unverwüstliche Fels in der Brandung der Energieversorgung, nur noch mit Mühe aufrechterhalten.

Die Physik dahinter ist im Grunde simpel: Ein Kernkraftwerk ist – das sagen Reaktoringenieure selbst halb scherzhaft – im Wesentlichen eine sehr komplizierte Methode, Wasser zu kochen. Nur etwa ein Drittel der bei der Kernspaltung freiwerdenden Energie wird in Strom umgewandelt. Der große Rest geht als Abwärme verloren – und die muss irgendwohin. In Frankreich heißt „irgendwohin” sehr oft: in den nächsten Fluss.

Wird der Fluss zu warm oder führt er zu wenig Wasser, schlägt der Wirkungsgrad-Nachteil voll durch. Die Kühlwassereinleitung darf den Fluss nicht über bestimmte Grenzwerte hinaus aufheizen, also muss das Kraftwerk seine Leistung reduzieren. Im Extremfall ganz abschalten. Genau das passiert seit Jahren immer wieder – im Süden Frankreichs, in der Schweiz, gelegentlich auch am Neckar in Deutschland.

Eine Energieform, die ihre Leistung bei genau dem Wetter zurückfahren muss, bei dem die Klimaanlagen und Kühlhäuser auf Hochtouren laufen, ist vieles. Aber „grundlastfähig” im Sinne von „immer verlässlich verfügbar” ist sie nicht.

Quellen: Bayerisches Staatsministerium für Umwelt (Wirkungsgrad < 40 %); Nuklearia.de zur Erklärung von Drosselungen aus wasserrechtlichen Gründen; Water History 2020, „A complicated way of boiling water”.


Das Thema, über das niemand reden will: Die Abwärme

Jetzt kommt der Punkt, der mich am meisten ärgert – und der in der ganzen Debatte fast vollständig untergeht.

Diese „saubere” Atomkraft kippt im Normalbetrieb gewaltige Mengen Abwärme in die Flüsse. Genau deshalb gibt es überhaupt die Temperaturgrenzwerte, die im Hochsommer plötzlich zum Problem werden. Diese Grenzwerte sind nicht zum Spaß da. Sie schützen Flora und Fauna.

Das eingeleitete Kühlwasser eines AKW kann bis zu 33 Grad warm sein. Im Falle von Beznau heißt das: Aus der Aare wird Wasser entnommen und auf bis zu 32 Grad erwärmt wieder zurückgeleitet. Im Fall des inzwischen stillgelegten AKW Fessenheim hat eine Umweltexpertin der Universität Toulouse die Wärmewirkung der jährlich eingeleiteten 3.600 MW thermischer Energie auf eine Erwärmung von bis zu zwei Grad Celsius in einem Radius von bis zu 100 Kilometern beziffert – also bis Marckolsheim, Straßburg, Iffezheim hinunter.

Was das ökologisch bedeutet, ist gut dokumentiert: Warmes Wasser kann weniger Sauerstoff binden als kühles. Gleichzeitig sterben in warmem Wasser mehr Pflanzen und Kleinlebewesen ab, deren Verrottung wiederum Sauerstoff aus dem Wasser zieht. Den Fischen geht damit doppelt die Luft aus. Bei längeren Hitzeperioden kann das ganze Gewässer „kippen”. Genau davor sollen die 25-Grad-Grenze in der Schweiz oder die analogen Auflagen in Frankreich schützen.

Und genau die werden in der Not regelmäßig „vorübergehend” gelockert. 2003. 2018. 2022. EDF und auch Axpo haben mehrfach versucht, diese Lockerungen zu Dauerregelungen zu machen – mit dem Argument der Versorgungssicherheit.

Quellen: Stuttgarter Zeitung zu Fessenheim-Wärmewirkung; finanzmarktwelt.de zur wiederholten Grenzwert-Anhebung in Frankreich seit 2018; 100-gute-gruende.de zu Sauerstoff und Fischen; SRF/Beobachter zu Axpos Lockerungsgesuch.


Doppelmoral, die langsam unerträglich wird

Und jetzt mal ehrlich: Wenn ein einzelner Vogel in ein Windrad fliegt, kennt der Aufruhr in den Kommentarspalten keine Grenzen. Es gibt eigene Schlagworte dafür („Vogelschredder”), Talkshows, monatelange Lokaldebatten, ganze politische Karrieren werden auf dem Thema gebaut. Naturschutz, immer wieder Naturschutz.

Wenn ein Kernkraftwerk Jahr für Jahr Millionen Kubikmeter Kühlwasser entnimmt, einen Teil davon über Kühltürme verdunstet, den Rest deutlich erwärmt in einen ohnehin schon röchelnden Fluss zurückleitet, dabei dokumentiert die Sauerstoffversorgung der Wassertiere belastet und im Krisenfall sogar die Grenzwerte gelockert werden – dann ist es still. Da ist Naturschutz auf einmal keine Schlagzeile mehr wert.

Allein in der französischen Region Auvergne-Rhône-Alpes stehen 14 Reaktoren in der Nähe der Rhône. Jeder davon heizt den Fluss ein Stück mehr auf, entnimmt enorme Wassermengen, verdampft einen großen Teil über die Kühltürme in die Atmosphäre. Für die Kühlung aller AKW in der EU werden laut Branchenangaben pro Jahr rund 2,5 Milliarden Kubikmeter Wasser benötigt.

Bei Windkraft diskutieren wir tagelang über einzelne Tiere. Bei Atomkraft ignorieren wir ganze Flussökosysteme. Diese Doppelmoral kann ich nicht mehr ernst nehmen.

Quellen: finanzmarktwelt.de zu 14 Rhône-Reaktoren; sonnenseite.com zu 2,5 Mrd. m³ Wasserverbrauch in der EU.


Die Bilanz: teuer, träge, wettersensibel

Frankreichs Atomkraft hat noch weitere Probleme, die den Mythos vom günstigen, immer laufenden Wundermeiler beschädigen:

  • Massive Korrosionsprobleme: 16 Reaktoren waren 2022/2023 von Spannungsrisskorrosion betroffen, mit teils langen Stillständen.
  • EDF musste verstaatlicht werden, machte 2022 allein 18 Milliarden Euro Verlust, schleppt Schulden im zweistelligen Milliardenbereich vor sich her.
  • Atomstrom wird teurer: Mit dem Auslaufen des ARENH-Systems Ende 2025 steigt der regulierte Preis für französischen Atomstrom 2026 von 42 Euro auf 70 Euro pro Megawattstunde – ein Aufschlag von rund 67 Prozent.
  • Die Kosten der Laufzeitverlängerung der bestehenden Meiler werden auf rund 66 Milliarden Euro geschätzt, Neubauten zusätzlich auf 56 bis 58 Milliarden – und selbst der staatliche französische Rechnungshof hält diese Schätzungen für zu niedrig.
  • Müll für Generationen: Daran hat sich seit Jahrzehnten konzeptionell nichts geändert. Ein einziges geologisches Endlager auf der Welt – Onkalo in Finnland – ist nach jahrzehntelanger Planung kurz vor der ersten Einlagerung.

Auch beim oft beschworenen Strompreisvergleich lohnt sich ein zweiter Blick: Ja, es gibt Phasen, in denen der französische Großhandelspreis deutlich unter dem deutschen liegt – das passiert vor allem dann, wenn der gesamte AKW-Park gut läuft und Deutschland Gas teuer einkaufen muss. Aber sobald die Hitze einsetzt, kippt das Bild teilweise binnen Tagen. Die Behauptung „Atomstrom ist immer billig” hält der Wirklichkeit nicht stand.

Quellen: cleanthinking.de, klimareporter.de und IWR zu EDF-Bilanz und ARENH-Preiserhöhung; finanzmarktwelt.de zu Preisdifferenzen.


Was bei 34 Grad nicht schlappmacht, sondern liefert

Während Frankreich bei der nächsten Hitzewelle wieder Richtung Importknopf schielt, dreht bei mir die Anlage auf dem Dach erst so richtig auf. Photovoltaik liefert dann am meisten, wenn der Strombedarf für Kühlung und Klimaanlagen am höchsten ist. Wärmepumpen können – paradoxerweise – im Sommer kühlen. Batteriespeicher puffern den Tag-Nacht-Versatz. Und: nichts davon braucht einen Fluss, der ihm die Wärme abnimmt.

Ich behaupte nicht, dass Erneuerbare alle Probleme der Welt lösen. Wir brauchen Netze, Speicher, Flexibilität – und wir sollten ehrlich über Schwankungen reden, statt sie wegzudiskutieren. Aber wer eine Energieform als „die” Lösung verkauft, die jedes Mal Probleme bekommt, sobald der Sommer ernst macht, sollte das Wort „grundlastfähig” wenigstens in Anführungszeichen setzen.

Atomkraft ist nicht das saubere, wetterfeste Bollwerk, als das sie oft verkauft wird. Sie ist teuer, sie ist träge, sie hinterlässt Müll für Generationen – und sie hängt stärker am Wetter, als ihren Fans lieb ist.

Vielleicht ist es Zeit, der angeblich stärksten Säule beim Wackeln nicht länger applaudierend zuzusehen – und stattdessen auf das zu setzen, was bei 34 Grad nicht schlappmacht, sondern liefert.


Quellen (Auswahl)

  • Handelsblatt, „Hitzewelle: Französische Strompreise steigen wegen Atomkraftsorgen”, 27.05.2026.
  • Telepolis, „Frankreich in der Hitzefalle: Wenn der Klimawandel die Wirtschaft trifft”, Juni 2026.
  • SRF, „Aare zu warm – AKW Beznau stellt wegen der Hitze auch zweiten Reaktor ab”, 03.07.2025.
  • Axpo, Medienmitteilung „Kernkraftwerk Beznau reduziert Leistung aufgrund hoher Aare-Wassertemperaturen”, 29.06.2025.
  • iwr.de, „Hitzewelle bedroht französischen Atomstrom: EDF kündigt mögliche Drosselung an”, 23.06.2025.
  • iwr.de, „Schweizer Atomkraftwerk Beznau 1 wegen Hitzewelle komplett abgeschaltet”, 02.07.2025.
  • Beobachter, „AKW Beznau wegen Hitze abgeschaltet: Streit um Wassertemperatur”, 03.07.2025.
  • atommuellreport.de, „Frankreich: Spannungsrisskorrosion legt AKWs lahm”, 2022.
  • cleanthinking.de, „Atomkraft Frankreich: Sackgasse statt Renaissance”, 2023.
  • klimareporter.de, „Atomstrom in Frankreich wird deutlich teurer”, 12.12.2023.
  • finanzmarktwelt.de, „Strompreis in Frankreich mit Rekordrabatt gegenüber Deutschland”, Januar 2025.
  • nau.ch, „Französisches Atomkraftwerk muss wegen Trockenheit gedrosselt werden”, 07.06.2022.
  • Stuttgarter Zeitung, „Kühlwasser vom Atomkraftwerk Fessenheim”, März 2020.
  • sonnenseite.com, „Klimawandel bedroht Atomkraft”, August 2024.
  • Solarify, „Hitzewelle in Frankreich: EDF drosselt Atomkraftwerke wegen zu warmer Flüsse”, Juli 2025.
  • 100-gute-gruende.de, „Heiße Flüsse”.
  • Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz, „Umweltauswirkungen von Kernkraftwerken”.
  • Statista, „Struktur der Bruttostromerzeugung in Frankreich” (Anteil Kernenergie 2022–2024).

#faktenstattfiktion #Atomkraft #Energiewende #Hitzewelle #Photovoltaik

]]>
https://schirmer.net/politik-gesellschaft/wenn-die-verlaessliche-grundlast-ins-schwitzen-kommt/feed/ 0
Katherina Reiche und die Energiewende: Drehtür, Monitoringbericht, Redispatch https://schirmer.net/politik-gesellschaft/katherina-reiche-und-die-energiewende-drehtuer-monitoringbericht-redispatch/ https://schirmer.net/politik-gesellschaft/katherina-reiche-und-die-energiewende-drehtuer-monitoringbericht-redispatch/#respond Fri, 05 Jun 2026 17:47:50 +0000 https://schirmer.net/?p=101 Die deutsche Energiewende steht an einem gefährlichen Punkt. Nicht, weil Wind und Sonne versagen würden. Sondern weil politische Entscheidungen derzeit geeignet sind, Investitionssicherheit zu zerstören, fossile Infrastrukturen zu verlängern und den Ausbau erneuerbarer Energien auszubremsen.

Im Zentrum dieser Debatte steht Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche.

Die Drehtür zwischen Energiewirtschaft und Ministerium

Katherina Reiche war vor ihrem Wechsel in die Bundesregierung Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, einer Tochter des E.ON-Konzerns. Zur Westenergie-Gruppe gehört mit Westnetz einer der größten Verteilnetzbetreiber Deutschlands. Nach Angaben von Westenergie liefen 2022 rund 64 Milliarden Kilowattstunden Erdgas durch das Netz der Unternehmensgruppe — das entspricht ungefähr acht Prozent des deutschen Jahres-Erdgasverbrauchs. Das Gasnetz umfasst rund 38.000 Kilometer und versorgt nach Westnetz-Angaben rund 1,5 Millionen Haushalte mit Erdgas. (westenergie.de)

Das Drehtür-Phänomen ist nicht neu und nicht parteigebunden. Von Gerhard Schröder (SPD, zu Gazprom) über Ronald Pofalla (CDU, zu Deutsche Bahn) bis zu Sigmar Gabriel (SPD, zu Deutsche Bank und Tönnies) — der Wechsel zwischen Politik und reguliertem Wirtschaftszweig ist ein strukturelles Problem, kein Einzelfall. Reiches Wechsel wird vor diesem Hintergrund relevant, nicht weil er einzigartig wäre, sondern weil er in einer kritischen Phase der Energiepolitik stattfindet.

Umso bemerkenswerter war Reiches Aussage auf einer Bundespressekonferenz, das Geschäftsfeld von Westenergie umfasse „kein Gasgeschäft" und sie sei „nie in der Gaslobby tätig" gewesen. Diese Aussage wurde unter anderem von t-online, Übermedien und Cleanthinking kritisch eingeordnet, weil sie mit den öffentlich dokumentierten Gasnetzaktivitäten der Westenergie-Gruppe schwer vereinbar ist. (t-online, Übermedien, Cleanthinking)

Juristisch mag man darüber streiten, wo „Gasgeschäft" beginnt: beim Verkauf von Gas, beim Transport, bei der Verteilung oder schon bei der Infrastruktur. Politisch ist der Fall klarer: Wer ein Unternehmen geführt hat, dessen Netz Milliarden Kilowattstunden Erdgas transportiert, sollte bei Entscheidungen über Gasinfrastruktur, Gaskraftwerke und Netzregulierung besonders transparent mit möglichen Interessenkonflikten umgehen.

Was Reiche selbst dazu sagt

Auf eine Presseanfrage von Cleanthinking antwortete das Bundeswirtschaftsministerium, Westenergie sei ein Infrastrukturunternehmen, keine Lobby-Organisation; Interessenkonflikte würden nach den gesetzlichen Vorgaben gehandhabt. Reiche selbst weist die Lobby-Vorwürfe zurück und stellt ihre frühere Tätigkeit als Vorstandsvorsitzende eines Infrastrukturbetreibers dar, nicht als Lobby-Arbeit für die Gasbranche. (Cleanthinking, ZDF heute)

Dieser Beitrag bewertet nicht ihre Absichten, sondern die strukturellen Folgen ihrer politischen Entscheidungen.

Der Monitoringbericht: Wissenschaft oder politische Kulisse?

Besonders problematisch ist der Streit um den Monitoringbericht zur Energiewende. Das Bundeswirtschaftsministerium stellte den Bericht im September 2025 als externe wissenschaftliche Grundlage für die künftige Energiepolitik vor. Erstellt wurde er laut Ministerium von den Instituten BET und EWI. (Bundeswirtschaftsministerium)

Greenpeace kam nach einem Versionsvergleich zu dem Ergebnis, dass es 28 inhaltliche Änderungen zwischen ursprünglicher und veröffentlichter Fassung gegeben habe. Nach Darstellung der Organisation seien dabei unter anderem Passagen abgeschwächt worden, die Gaskraftwerke kritisch bewerten, und Darstellungen zum Ausbauziel für erneuerbare Energien verändert worden. Die Fachpresse hat den Vorgang aufgegriffen — die Photovoltaik-Fachzeitschrift Photon dokumentierte die Kritik ebenso wie ZDF heute in seiner Politik-Berichterstattung. (Greenpeace, Photon, ZDF heute)

Das ist kein technisches Detail. Wenn ein Bericht als unabhängige Expertengrundlage präsentiert wird, darf nicht der Eindruck entstehen, dass politische Schlussfolgerungen nachträglich in die wissenschaftliche Grundlage hineingeschrieben wurden. Genau dieser Eindruck aber steht nun im Raum.

Gaskraftwerke gegen Batteriespeicher

Ein weiterer Vorwurf betrifft die Rolle von Gaskraftwerken im künftigen Stromsystem. Medienberichte und Umweltorganisationen kritisieren, das Ministerium habe Argumentationslinien zugunsten von Gaskraftwerken und zulasten von Batteriespeichern aufgegriffen. t-online verweist in diesem Zusammenhang auf auffällige Nähe zwischen energiepolitischen Papieren und Forderungen aus der Energiebranche. (t-online)

Dabei ist die energiepolitische Alternative längst nicht mehr „Gaskraftwerke oder Blackout". Batteriespeicher, flexible Lasten, Netzausbau, dezentrale Erzeugung und europäische Strommarktintegration sind zentrale Bausteine eines modernen Energiesystems. Wer den Diskurs künstlich auf neue Gaskraftwerke verengt, verlängert fossile Pfadabhängigkeiten.

Der Redispatch-Vorbehalt: Investitionsbremse für Erneuerbare

Besonders heftig reagieren die Bundesländer auf den geplanten sogenannten Redispatch-Vorbehalt. Redispatch bedeutet das gezielte Hoch- und Runterfahren von Kraftwerken und Anlagen, um Netzengpässe zu beheben. Bisher gilt: Wer als Wind- oder Solaranlagen-Betreiber zwangsweise abgeregelt wird, bekommt eine Entschädigung. Genau diese Regel soll für neue Anlagen in überlasteten Netzgebieten künftig entfallen. (DIE ZEIT)

Das klingt technisch, hätte aber massive Folgen: Wer befürchten muss, bei Netzengpässen ohne Ausgleich abgeschaltet zu werden, kalkuliert höhere Risiken ein oder investiert gar nicht erst. So entsteht keine Beschleunigung der Energiewende, sondern eine Investitionsbremse.

Auf der Energieministerkonferenz auf Norderney stellten sich die Länder geschlossen gegen diesen Kurs. Schleswig-Holsteins Energiewendeminister Tobias Goldschmidt sprach von einer „16-fachen Absage" an den Redispatch-Vorbehalt — über Partei- und Ländergrenzen hinweg. (schleswig-holstein.de)

In Mittelhessen ist das nicht abstrakt. Wer hier Bürgerwind- oder Freiflächen-PV-Projekte plant, kalkuliert seit Jahren mit knappen Netzanschluss-Kapazitäten. Ein Redispatch-Vorbehalt verschärft genau diese Lage — und trifft die regionalen Akteure am unmittelbarsten: kommunale Stadtwerke, die EAM, die Energiegenossenschaften in den Landkreisen Gießen und Marburg-Biedenkopf, Bürgerwindparks. Diese Akteure brauchen Planungssicherheit. Sie haben keine Konzernbilanzen, die Investitionsrisiken auffangen.

Warum das alles gefährlich ist

Deutschland braucht Versorgungssicherheit, bezahlbare Energie und eine wettbewerbsfähige Industrie. Aber genau deshalb ist eine schnelle, planbare und konsequente Energiewende notwendig.

Erneuerbare Energien sind längst kein grünes Nischenthema mehr, sondern Standortpolitik. Unternehmen investieren dort, wo Strom sauber, günstig und zuverlässig verfügbar ist. Andere Industriestaaten setzen Tempo: China deckt inzwischen rund 80 Prozent der globalen Photovoltaik-Modulproduktion ab — bei Wafern und Polysilizium liegt der Anteil bei knapp 95 Prozent. Die USA mobilisieren mit dem Inflation Reduction Act (2022) rund 369 Milliarden US-Dollar für saubere Industrie. Deutschland dagegen riskiert, sich in Debatten über fossile Brückentechnologien zu verlieren.

Wenn politische Entscheidungen den Eindruck erzeugen, dass fossile Infrastruktur geschützt und erneuerbare Investitionen verunsichert werden, dann ist das nicht nur klimapolitisch falsch. Es ist auch industriepolitisch kurzsichtig.

Fazit

Der Fall Katherina Reiche zeigt ein strukturelles Problem: Die Grenze zwischen legitimer energiepolitischer Kurskorrektur und problematischer Nähe zu fossilen Interessen verschwimmt.

Die dokumentierte frühere Rolle Reiches bei Westenergie, ihre auf einer Bundespressekonferenz öffentlich angreifbare Aussage zum Gasgeschäft, die Kritik am Monitoringbericht und der Widerstand aller 16 Bundesländer gegen zentrale Elemente ihrer Energiepolitik ergeben zusammen ein Bild, das demokratische Kontrolle verlangt.

Es geht nicht um persönliche Polemik. Es geht um Transparenz, Interessenkonflikte und die Frage, ob Deutschland die Energiewende beschleunigt oder ausgerechnet jetzt politisch ausbremst.

Die Rechnung für eine verzögerte Energiewende zahlen am Ende nicht die Lobbyisten. Sie zahlen Bürgerinnen und Bürger über höhere Energiepreise und CO₂-Folgekosten, Unternehmen über Standortnachteile, Kommunen über steigende Schäden aus Hitze, Starkregen und Dürre — und die kommenden Generationen über eine Welt, die wir wissentlich heißer hinterlassen.

Quellen

  1. Westenergie: Informationen zum Gasnetz der Westenergie-Gruppe (64 Mrd. kWh Erdgas, 38.000 km Gasnetz, 1,5 Mio. versorgte Haushalte). westenergie.de
  2. t-online: Bericht über Reiches Aussage, Westenergie habe kein Gasgeschäft, und die anschließende Kritik. t-online.de
  3. t-online: „Auffällige Nähe zu E.ON und RWE“ — Lobby-Vorwürfe gegen Reiche. t-online.de
  4. Übermedien: Analyse zur ungeprüften Weitergabe der Aussage durch die Tagesschau. uebermedien.de
  5. Cleanthinking: Dokumentation einer Presseanfrage an das Bundeswirtschaftsministerium und der BMWE-Antwort. cleanthinking.de
  6. ZDF heute: Einordnung „Lobby-Ministerin oder Hoffnungsträgerin?“. zdfheute.de
  7. Bundeswirtschaftsministerium: Pressemitteilung zum Monitoringbericht Energiewende vom 15. September 2025. bundeswirtschaftsministerium.de
  8. Greenpeace: Kritik und Versionsvergleich zum Energiewende-Monitoringbericht. greenpeace.de
  9. Photon: Fachpresse-Aufnahme des Greenpeace-Versionsvergleichs. photon.info
  10. Schleswig-Holsteinisches Energiewendeministerium: Pressemitteilung zur Energieministerkonferenz auf Norderney und zur einstimmigen Kritik am Redispatch-Vorbehalt. schleswig-holstein.de
  11. ZEIT: Bericht zum geplanten Redispatch-Vorbehalt und möglichen Folgen für Betreiber neuer Ökostrom-Anlagen. zeit.de
  12. BDEW: Erdgasverbrauch Deutschland 2023 (rund 813 TWh) als Bezugsgröße für den 64-TWh-Vergleich. bdew.de
]]>
https://schirmer.net/politik-gesellschaft/katherina-reiche-und-die-energiewende-drehtuer-monitoringbericht-redispatch/feed/ 0
Windkraft – ein wirtschaftlicher Wind in Selbstverwaltung https://schirmer.net/politik-gesellschaft/windkraft-ein-wirtschaftlicher-wind-in-selbstverwaltung/ https://schirmer.net/politik-gesellschaft/windkraft-ein-wirtschaftlicher-wind-in-selbstverwaltung/#respond Sun, 07 Sep 2025 10:52:20 +0000 https://schirmer.net/?p=83
Windkraft – ein wirtschaftlicher Wind in Selbstverwaltung

Die Machbarkeitsstudie zur ökologischen und technischen Umsetzbarkeit von Windkraft in Wettenberg bietet den idealen Auftakt, um Bürger*innen und Gewerbetreibende transparent einzubinden. Windkraft birgt nicht nur ökologisch großen Nutzen – klimapositiv und nachhaltig –, sondern kann auch erhebliche Einnahmen für die Gemeinde generieren.


Kommunale Haushaltsentlastung am Beispiel Simmerath (Eifel)

Durch Windkraft erzielte Einnahmen ermöglichten Simmerath den Bau eines familienfreundlichen Schwimmbads mit zwei Becken sowie moderner Sport- und Betreuungsinfrastruktur – ohne Grundsteuererhöhungen für Familien„Hätten wir diese Einnahmen nicht, müssten wir die Grundsteuer für eine vierköpfige Familie … um rund 500 Euro pro Jahr erhöhen“ – so Bürgermeister Bernd Goffart 

Das Ergebnis: statt Einwohnerverlust erzielte die Gemeinde ein Bevölkerungswachstum von 10 % – Windkraft als sichtbarer Zukunftsimpuls.


Bostelwiebeck in der Lüneburger Heide

Vier Windenergieanlagen bringen den angrenzenden Gemeinden jährlich rund 100.000 € an freiwilligen Zahlungen ein, die gezielt in lokal sichtbare Projekte – etwa ein neues Gemeindezentrum – investiert werden  

Zudem regelt § 6 EEG seit 2021 eine Beteiligung von 0,2 Cent pro eingespeiste kWh – je Anlage also zusätzliche Einnahmen von 20.000–35.000 € jährlich. Gemeinden können darüber frei entscheiden .


Größere Dimension: Qualitas Energy

Der Betreiber Qualitas Energy zahlte 2023 mehr als 1 Mio. € freiwillige kommunale Abgaben, mit Ausbaupotenzial bis zu 5 Mio. € jährlich  . Solche Beiträge sind strukturelle Zukunftsvorsorge für Gemeinden.


Langfristige Perspektiven: Rhein-Hunsrück-Kreis

Seit dem Einstieg in erneuerbare Energien 1999 deckt der Rhein-Hunsrück-Kreis mittlerweile fast 60 % seines Strombedarfs über regenerative Anlagen und erwirtschaftet daraus 14,6 Mio. € kommunale Wertschöpfung pro Jahr.


Vorzeigeprojekt Wildpoldsried (Allgäu)

Die Gemeinde produziert rund 321 % mehr Energie als sie verbraucht und erzielte damit bereits 2011 etwa 4 Mio. € Umsatz jährlich. Zahlreiche kommunale Gebäude folgten – darunter Schul- und Sportstätten – und das mit 65 % weniger CO₂-Emissionen


Fazit – Windkraft als Schlüssel zur Zukunft

1. Ökonomische Hebelwirkung: Windkraft generiert Einnahmen über Pacht, Gewerbesteuer oder freiwillige Abgaben – die Grundlage für kommunale Investitionen in Bildung, Infrastruktur, Sport und Kultur.

2. Steuerminderung & Haushaltsspielraum: Ersparnisse für Bürger*innen (siehe Simmerath), Schuldenabbau und bessere Lebensqualität.

3. Bürgernähe & Transparenz: Beteiligungsformen wie Bürgerwindparks, Energiegenossenschaften, Nachrangdarlehen oder Regionaldialoge schaffen Akzeptanz, Identifikation und Zusammenhalt  https://www.caeli-wind.de/ratgeber/detailseite/windenergie-in-kommunen-wie-staedte-und-gemeinden-die-energiewende-zum-heimspiel-machen-koennen
https://www.statkraft.de/explained-by-statkraft/wind-oder-solarparks-beteiligung/

4. Zukunftssicherheit: Beispiele wie Bostelwiebeck, Rhein-Hunsrück oder Wildpoldsried zeigen, wie Windkraft zu nachhaltigem Wohlstand, Energiewende und modernem Gemeindeleben beiträgt.


Chancen für Wettenberg

Gerade für Wettenberg eröffnen sich durch die Windkraft erhebliche Möglichkeiten: stabile Einnahmen aus Pacht, Gewerbesteuern und EEG-Beteiligungen könnten den Haushalt nachhaltig stärken und dringend benötigte Investitionen in Schulen, Sportstätten, Digitalisierung und Klimaanpassung ermöglichen. Gleichzeitig ließe sich die lokale Wirtschaft fördern – etwa durch Aufträge für regionale Handwerksbetriebe, Dienstleister und Zulieferer. Auch das örtliche Gewerbe profitiert von langfristig planbaren, günstigeren Energiekosten und einer besseren Versorgungssicherheit. Für Bürgerinnen und Bürger bedeutet das: weniger Steuerdruck, sichtbare Verbesserungen im Alltag und die Gewissheit, dass die Gemeinde aktiv ihre Zukunft gestaltet – ökologisch wie ökonomisch.

]]>
https://schirmer.net/politik-gesellschaft/windkraft-ein-wirtschaftlicher-wind-in-selbstverwaltung/feed/ 0
Deutschland soll Klimaziele sichern – nicht ausbremsen: Offener Brief des DNR https://schirmer.net/politik-gesellschaft/deutschland-soll-klimaziele-sichern-nicht-ausbremsen-offener-brief-des-dnr/ https://schirmer.net/politik-gesellschaft/deutschland-soll-klimaziele-sichern-nicht-ausbremsen-offener-brief-des-dnr/#respond Sun, 07 Sep 2025 10:38:04 +0000 https://schirmer.net/?p=79 Berlin, 4. September 2025 – In einem eindringlichen offenen Brief appelliert der Deutsche Naturschutzring (DNR) an Bundeskanzler Friedrich Merz, sich entschieden gegen eine mögliche Verzögerung des EU-Klimaziels für 2040 zu stellen. Hintergrund: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wird vorgeworfen, eine Entscheidung im zuständigen EU-Umweltrat zugunsten der Debatte im Europäischen Rat der Staats- und Regierungschefs zu verschieben – eine Strategie, die als taktisch gefährlich und blockierend betrachtet wird

1. Deutschlands Verantwortung: Handeln statt Zögern

Der DNR reib sich deutliche Worte: Eine Verschiebung des Beschlusses zum 2040-Ziel würde Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit der EU schwächen – und zwar just im Gedenkjahr des Pariser Klimaabkommens. Deutschland müsse als wirtschaftlicher Motor Europas eine führende Rolle einnehmen – nicht unnötig blockieren.

2. Warum gerade der 18. September entscheidend ist

Der Brief fordert explizit die politische Entscheidung für ein Klimaziel von mindestens –90 % bis 2040 im EU-Umweltrat am 18. September – inklusive fristgerechter Einreichung des daraus abzuleitenden Nationally Determined Contribution (NDC) bei den UN. 

Ohne diesen Beschluss droht ein schwacher, unmöglicher EU-Beitrag zur globalen Klimapolitik – ein Imageschaden ohnegleichen, gerade vor der anstehenden Klimakonferenz in Brasilien. 

3. Klimapolitik, Glaubwürdigkeit und industrielle Transformation – alles gehört zusammen

Bereits andere Stellungnahmen und Positionspapiere untermauern diesen Appell:

  • Der Europäische Wissenschaftliche Beirat zum Klimawandel (ESABCC) empfiehlt deutlich eine Emissionsreduktion von 90 bis 95 % bis 2040. Eine entsprechende gesetzliche Verankerung schafft dringend benötigte Planungs- und Investitionssicherheit – z. B. für Schlüsselinitiativen wie den „Clean Industrial Deal“ oder die Transformation zu grüner Wertschöpfung. 
  • Die EU-Kommission hat bereits einen Vorschlag zur Emissionsminderung von 90 % vorgelegt, doch Umweltverbände kritisieren, dass dies zu wenig ambitioniert und zu sehr auf Carbon Capture & Storage (CCS) setzt – eine riskante Ausrichtung. 
  • Ebenso wird eine Verlagerung von Emissionsreduktionen ins Ausland oder auf technische Kohlenstoffsenken scharf kritisiert: Effektiver Klimaschutz funktioniert nur, wenn er innerhalb Europas stattfindet

4. Europa braucht strategische Führungsstärke

Nicht um moralische Geste, sondern um industrie- und sicherheitspolitischen Nutzen für Europa geht es DNR wie Kolleginnen und Kollegen: Ein ambitioniertes 2040-Ziel stärkt:

  • Resilienz gegenüber geopolitischen Unsicherheiten
  • Investitionssicherheit
  • Strukturwandel und Innovationskraft – von grünem Stahl über Wasserstoff bis hin zur erneuerbaren Verkehrs- und Energieinfrastruktur .

Fazit – für eine glaubwürdige, strategische Klimapolitik

Deutschland steht im offenen Brief im Fokus: als Gestalter — nicht als Bremsklotz. Ein entschiedener Beschluss für ein verbindliches EU-Klimaziel von mindestens –90 % bis 2040, mit dem fristgerechten NDC, ist essenziell. Die Einladung zur weitreichenden, deutsch-französischen Zusammenarbeit bleibt ein offenes Angebot, das zugleich klimapolitische Verantwortung und industrielle Zukunft verknüpft.

]]>
https://schirmer.net/politik-gesellschaft/deutschland-soll-klimaziele-sichern-nicht-ausbremsen-offener-brief-des-dnr/feed/ 0
Rückwärtsgewandte Auto-Strategie: Söders 10-Punkte-Plan ist ein Schlag ins Kontinuum der Zukunft https://schirmer.net/politik-gesellschaft/rueckwaertsgewandte-auto-strategie-soeders-10-punkte-plan-ist-ein-schlag-ins-kontinuum-der-zukunft/ https://schirmer.net/politik-gesellschaft/rueckwaertsgewandte-auto-strategie-soeders-10-punkte-plan-ist-ein-schlag-ins-kontinuum-der-zukunft/#respond Sun, 07 Sep 2025 10:32:32 +0000 https://schirmer.net/?p=75 Vorwärts in die Vergangenheit?

Markus Söder, CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident, präsentiert kurz vor dem Start der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) seinen 10-Punkte-Plan „Ja zum Auto, Ja zum Autoland Deutschland“ – und zeigt damit: Der Blick der Union verläuft rückwärts und trägt das Risiko, Deutschlands Automobilindustrie ins Aus zu katapultieren  .

Die zentralen Forderungen – ein Katalog der Illusionen

  • Kippen des EU-Verbrenner-Verbots ab 2035 – im Kern ein nostalgisches Bekenntnis zum fossilen Zeitalter. Hier werden E-Fuels und neuer technischer Realismus als Heilsversprechen ausgegeben  .
  • CO₂-Ziele runterfahren, Ladeinfrastruktur fördern, Zulieferindustrie stützen, Führerschein günstiger machen – alles Maßnahmen, die oberflächlich pragmatisch wirken, jedoch die Zukunftsfähigkeit Deutschlands als Mobilitätsstandort ignorieren  .

Zukunft oder Status quo? Der fatale Rückfall in alte Zeiten

Dieser Plan lässt jegliche Vision vermissen. Während andere Länder konsequent auf Elektromobilität und emissionsfreie Antriebe setzen, hält die Union verzweifelt am Verbrenner fest – aus Angst um kurzfristige Wählergruppen, nicht aus strategischem Weitblick.

Dabei tun deutsche Autohersteller sich längst schwer: Hohe Produktionskosten, fehlende Innovationsdynamik bei E-Mobilität, schrumpfende Absätze in Schlüsselmärkten wie China – €564 Mrd Jahresumsatz sind nur ein Rückgriff auf Glanz vergangener Tage  .

Technologischer Stillstand statt Transformation

Experten warnen seit Monaten: Der Weg aus der Krise kann nur über ein klares Bekenntnis zur Batterie-Elektromobilität, nachhaltige Rahmenbedingungen für Hersteller sowie gezielte Kaufanreize führen  . Söder dagegen zimmert lieber an Verboten und Anachronismen – das ist nicht zukunftsorientiert, sondern technologischer Stillstand.

Wirtschaftliche und politische Unvernunft

Dieser Plan gefährdet den Standort Deutschland:

  • Bringt keinerlei Stabilität, sondern schafft Unsicherheit für Investoren.
  • Ignoriert die globale Konkurrenz, vor allem aus Asien, die bei E-Autos längst die Führung übernommen haben  .
  • Spielt mit den Arbeitsplätzen von heute, um eine statische, vergangenheitsorientierte Mobilitätsillusion aufrechtzuerhalten.

Ist die Union noch politisch und wirtschaftlich kompetent, wenn sie in einer Schlüsselindustrie die Zukunft ausklammert?


Fazit: Ein Plan ohne Weitsicht – ein Rückschritt im Super-Gau

Markus Söder und die Union liefern mit ihrem 10-Punkte-Plan keine zukunftsgewandte Industriepolitik, sondern ein ideologisches Festhalten an veralteten Technologien. Die Vision der deutschen Automobilindustrie – wegweisend im Zeitalter elektrischer und softwaredefinierter Mobilität – wird damit radikal unterhöhlt.

Wer weiterhin mit E-Fuels und Techniknostalgie liebäugelt, stellt nicht Arbeitsplätze sicher, sondern bringt sie in Gefahr. Die wirkliche Krise wäre nicht das Verbrenner-Verbot – sondern wenn Deutschland beim technologischen Wandel abgehängt wird.

  1. ZDFheute – Söders 10-Punkte-Plan zur Unterstützung der Autohersteller👉 https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/soeder-10-punkte-plan-unterstuetzung-autohersteller-100.html
  2. New-Facts.eu – Söder legt 10-Punkte-Plan vor👉 https://www.new-facts.eu/sortierung-top/deutschlandwelt-block/2025/09/07/soeder-legt-10-punkte-plan-zur-unterstuetzung-der-autohersteller-vor/692755/
  3. Mobiflip.de – CSU mit 10-Punkte-Plan fürs Auto👉 https://www.mobiflip.de/shortnews/e-autos-verbrenner-und-mehr-csu-mit-10-punkte-plan-fuers-auto/
  4. ZDFheute – Autoindustrie Deutschland: Zahlen & Fakten👉 https://www.zdfheute.de/wirtschaft/autoindustrie-deutschland-zahlen-fakten-100.html
  5. ZDFheute – Autoindustrie in der Krise👉 https://www.zdfheute.de/wirtschaft/autoindustrie-deutschland-krise-100.html
  6. VDA – Pressemitteilung zum 10-Punkte-Plan👉 https://www.vda.de/de/presse/Pressemeldungen/2024/240920_PM_10-Punkte-Plan
  7. ZDFheute – Autoindustrie: Krise und Aussichten👉 https://www.zdfheute.de/wirtschaft/autoindustrie-deutschland-krise-aussichten-100.html
]]>
https://schirmer.net/politik-gesellschaft/rueckwaertsgewandte-auto-strategie-soeders-10-punkte-plan-ist-ein-schlag-ins-kontinuum-der-zukunft/feed/ 0
#technologieentschlossenheit https://schirmer.net/iot/technologieentschlossenheit/ https://schirmer.net/iot/technologieentschlossenheit/#respond Wed, 27 Aug 2025 05:37:50 +0000 https://schirmer.net/?p=44 Bewährte, reife Technologien – der „Werkzeugkasten“ ist voll

  • Solar (Photovoltaik), Windkraft, Wasserkraft, Geothermie: Sie liefern Strom mit unter 5 % der CO₂‑Emissionen von Kohle – laut IPCC  .
  • Speicherlösungen: Lithium‑Ionen‑Batterien sind etabliert; daneben steht eine ganze Palette an Großspeichern bereit – klassische Pumpspeicher, Wärme‑ bzw. Carnot‑Batterien  , Power‑to‑Gas-Systeme mit Riesenspeicherpotenzial im deutschen Gasnetz (> 200 000 GWh)  .
  • Smart Grids, Digitalisierung & KI helfen, Angebot und Nachfrage effizient zu steuern – z. B. über Prosumernetze, Blockchain, AI‑basierte Netzoptimierung  .
  • Wasserstoff & Sektorkopplung: Elektrolyseanlagen (Alkaline, PEM, SOEC) existieren in kommerziellem oder hohem Technologie-Reifegrad  .
  • Kohlenstoffbindung (CCS), BECCS, insbesondere bei Biomasse: erprobte Technologien mit verschiedenen Methoden wie oxy‑fuel oder post‑combustion CO₂‑Abscheidung  .

Forschung & Innovation – „Zukunftstechnologien“, aber nicht Voraussetzung

Nein, wir brauchen keine reine Technologierevolution – wir brauchen Einsatz:

  • Es existieren emerging Technologien wie Dünnschicht‑PV (Perowskite, CIGS), Meeresenergie (Gezeiten, Wellen), Sandbatterien oder künstliche Fotosynthese – vielversprechend, aber nicht zwingend, um jetzt voranzukommen  .
  • Der Fokus sollte auf schneller Skalierung vorhandener Lösungen liegen – laut BloombergNEF reichen reif entwickelte Technologien, um dem Pariser Ziel näher zu kommen. Ein rascher Ausbau kann globale Emissionen bis 2050 deutlich reduzieren  .

Argument “Technologie-Offenheit”: Ein Ablenkungsmanöver?

Technologie‑Offenheit wird oft als Tugend verkauft – aber allzu oft ist es ein Vorwand dafür, sich an alte Strukturen zu klammern:

  • Mancher wartet auf „die nächste große Technologie“, während bestehende, kostenseitige Technologien wirtschaftlich konkurrenzfähig sind und Profit bieten  .
  • Wind- und Solarstrom, Batteriespeicher und effiziente Netzinfrastruktur sind heute günstig – „sauberer Strom verkauft sich“, siehe Jobwachstum und De-facto‑Markterfolge  .
  • Andere, insbesondere in Politik oder Industrie, nutzen Technologie‑Offenheit, um sich nicht zwischen klarem Handlungsdruck zu entscheiden. Das verschiebt Fortschritt und lässt Potenzial ungenutzt.

Beispiele für den entschlossenen Einsatz heute

  • Optimale Kombination: Solar + Wind + flexible Speicher + Smart Grids + Wasserstoff als saisonale Ergänzung. Alles verfügbar, alles einsatzfähig.
  • Power‑to‑Gas nutzt bestehende Gasnetz‑Infrastruktur – kosteneffizienter als rein elektrische Langzeitspeicherung  .
  • Carnot‑Batterien: große Energiespeicher in Wärmesystemen, keine seltenen Rohstoffe nötig, teils nutzbar in alten Kraftwerkeinrichtungen  .
  • Smart Grids + Digitaltechnik sorgen für Effizienz und Stabilität – bereits kommerziell nutzbar  .

Fazit: Genug Technologie – jetzt zählt Entschlossenheit

  1. Verfügbar: Alle nötigen Technologien existieren heute – von Solar bis Speicher, von Smart Grids bis Wasserstoff.
  2. Einsatzfähigkeit: Sie sind reif, erprobt, ökonomisch sinnvoll.
  3. Blockade durch Offenheit? Technologie‑Offenheit darf nicht zur Exkulpation werden – wer wartet, verliert Zeit und Chancen.
  4. Nur entschlossene Umsetzung zählt: Politische Entscheidungen, Investitionen, gesellschaftlicher Rückhalt, klare Zeitpläne – das ist der Schlüssel zur Wende.

]]>
https://schirmer.net/iot/technologieentschlossenheit/feed/ 0
Abschied eines Staatsmannes: Robert Habecks leise Machtverluste – und die laute Zukunft der Politik https://schirmer.net/politik-gesellschaft/abschied-eines-staatsmannes-robert-habecks-leise-machtverluste-und-die-laute-zukunft-der-politik/ https://schirmer.net/politik-gesellschaft/abschied-eines-staatsmannes-robert-habecks-leise-machtverluste-und-die-laute-zukunft-der-politik/#respond Mon, 25 Aug 2025 16:13:48 +0000 https://schirmer.net/?p=38 Als Robert Habeck am 25. August 2025 bekanntgab, dass er sein Bundestagsmandat zum 1. September zurückgeben wird, markierte das nicht bloß eine persönliche Neuorientierung, sondern einen stilprägenden Abschied eines Politikers, der verkörperte, was wir uns heute viel zu selten wünschen: einen Versöhner, Brückenbauer, jemanden, der Gemeinsamkeiten suchte statt Gegensätze zu verschärfen.

Ein großer Staatsmann geht – und hinterlässt ein Ideal

Habeck benennt klar, warum er sich zurückzieht: Er will Abstand vom eng gewordenen Korsett des Berliner Politikbetriebs gewinnen, um erst wieder empfangen zu können – und nicht bloß weiterzusenden . Anschließend plant er eine wissenschaftliche Tätigkeit im Ausland, etwa am Dänischen Institut für Internationale Studien und der Universität Berkeley – ein Zeichen, dass Abstand und Reflexion für ihn Voraussetzung neuen politischen Denkens sind .

Seine politische Praxis war stets geprägt von Versöhnung. Auch in Zeiten, in denen er sagte: „Die Rechtspopulisten haben eine Agenda, die ziehen sie seit zehn Jahren durch. Wir, die liberale Mitte, stehen staunend da und sagen: oje, oje.“  . Damit beschrieb er treffend ein ganzes politisches Vakuum – und setzte darauf, dieses Vakuum durch Dialog, Vernunft und gemeinsame Ziele zu füllen.

Er war jemand, der nicht spaltet, sondern verbindet; der nicht polarisierte, sondern Brücken baute und über politische Lager hinweg aushandelte. Menschen wie er fehlen uns jetzt umso mehr – genau weil er noch lange in Erinnerung bleiben wird als jemand, „den wir hätten haben können“: ein kluger, empathischer Führer, der Konsens über Konfrontation setzte.

Und nun? Mehr von dem Kontrast.

Denn wer tritt nach ihm auf die Bühne? Markus Söder, Friedrich Merz, Jens Spahn, Julia Klöckner – Leute, die oft spalten, polarisieren oder ideologisch verfestigen, statt die Gemeinsamkeit zu suchen . Habeck sagte einmal, wenn man die kommenden Protagonisten in Regierung und Opposition scannt – Merz, Klingbeil, Söder, Esken, Reichinnek, Dröge – lande man schnell wieder bei ihm . Dieser Vergleich spricht Bände: Er war derjenige, der sich politisch weniger über Lautstärke, Ideologie oder Stammtischformate definierte – sondern über die Qualität des Denkens, über Brücken über den Graben.

Warum seine Abwesenheit gerade jetzt spürbar wird

  • Politische Kommunikation ohne Polarisierung – Habeck hatte die Fähigkeit, komplexe Fragen verständlich zu formulieren und dabei die Balance zwischen Anspruch und Realitätsnähe zu wahren.
  • Suche nach gemeinsamen Interessen – Seine Politik war geprägt von der Erkenntnis, dass gesamtgesellschaftlicher Fortschritt nur durch gemeinsame Lösungen möglich ist.
  • Fokus auf Zukunft statt Opposition – Er wirkte wie ein Leuchtturm, der gerade in Krisenzeiten Orientierung bot – sei es beim Klimaschutz, bei Krisenmanagement oder im gesellschaftlichen Verständnis  .

Das ist es, was uns fehlen wird: nicht den lauten Popanz, sondern den ruhigen Brückenbauer. Wir erinnern uns daran, was wir hätten haben können – und in dieser Erinnerung liegt ein Appell: Wir brauchen wieder mehr solchen Politikstil.

Robert Habecks Rückzug markiert nicht nur das Ende einer politischen Karriere – sondern auch das Ende einer Ära der versöhnlichen, klugen Politik. Wir werden noch lange an den Politiker zurückdenken, der nicht spaltete, sondern vereinte. Und während die Bühne sich mit neuen Akteuren füllt – Merkels Nachfolger:innen, Merz, Spahn, Klöckner –, bleibt die Erkenntnis: Wir müssen erneut lernen, Brücken zu bauen, Dialoge zu führen und gemeinsam in eine bessere Zukunft zu gehen.

]]>
https://schirmer.net/politik-gesellschaft/abschied-eines-staatsmannes-robert-habecks-leise-machtverluste-und-die-laute-zukunft-der-politik/feed/ 0
Mut statt Mangelverwaltung: Deutschland braucht echte Investitionen – nicht halbe Schritte https://schirmer.net/politik-gesellschaft/mut-statt-mangelverwaltung-deutschland-braucht-echte-investitionen-nicht-halbe-schritte/ https://schirmer.net/politik-gesellschaft/mut-statt-mangelverwaltung-deutschland-braucht-echte-investitionen-nicht-halbe-schritte/#respond Mon, 25 Aug 2025 05:33:16 +0000 https://schirmer.net/?p=36

Deutschland will modernisieren, endlich. Mit dem Sondervermögen »Infrastruktur und Klimaneutralität« sollen 500 Milliarden Euro in die Zukunft des Landes fließen. Ein großer Wurf? Leider nicht. Wer genauer hinschaut, erkennt: Es ist ein überfälliger Schritt – aber einer, der viel zu zaghaft bleibt.

Jahrzehnte der Unterlassung rächen sich

Die Bundesrepublik hat ihre Substanz verschlissen. Straßen, Schienen, Stromnetze und Schulen – überall zeigt sich der Preis jahrzehntelanger Sparpolitik. Die Produktivität stagniert, die Konjunktur lahmt, und gleichzeitig wundern wir uns über wachsende Standortprobleme. Dass jetzt mehr Geld fließen soll, ist gut – aber viel zu spät und zu wenig.

42 Milliarden pro Jahr sind zu knapp bemessen

Selbst wenn alle geplanten Mittel abgerufen würden, landet Deutschland bei öffentlichen Investitionen knapp über EU-Durchschnitt. Doch Länder wie Polen, Schweden oder Frankreich zeigen längst, was möglich ist. Statt aufzuholen, verwaltet Deutschland weiter den Rückstand. Studien sehen den eigentlichen Bedarf bei mindestens 60 Milliarden jährlich – eher mehr.

Falscher Weg: Gewinne privatisieren, Kosten sozialisieren

Besonders fatal ist die geplante Einbindung privaten Kapitals. Auf den ersten Blick mag das elegant wirken – doch am Ende bedeutet es: Renditen für Konzerne, Zusatzkosten für Verbraucherinnen und Verbraucher. Der Netzausbau allein könnte so bis 2037 Mehrkosten von 220 Milliarden Euro erzeugen. Eine gewaltige Umverteilung, die niemandem hilft – außer Investoren.

Dabei gäbe es einen viel besseren Weg: staatliche Beteiligungsgesellschaften, die Kapital günstig bereitstellen, Renditen in öffentlicher Hand halten und Infrastruktur kosteneffizient modernisieren. Damit würde der Staat nicht nur gestalten, sondern auch langfristig profitieren.

Mut zur Investitionsoffensive statt Angst vor Märkten

Während für Rüstungsausgaben die Schuldenbremse aufgeweicht wurde, bleibt sie für Zukunftsinvestitionen bestehen. Ökonomisch ein Treppenwitz: Jeder Euro für Bildung oder Infrastruktur bringt zwei bis drei Euro zurück. Jeder Euro für Rüstung verpufft fast wirkungslos – und trotzdem sind hier dreistellige Milliardenbeträge kein Problem.

Deutschland braucht endlich den Mut, diese Schieflage zu korrigieren. Nicht noch mehr Umwege über Private, sondern klare öffentliche Verantwortung. Nicht temporäre Sondervermögen, sondern eine dauerhafte Investitionsstrategie. Nicht Klein-Klein, sondern ein Aufbruch, der dem Anspruch einer Industrienation gerecht wird.

Zeit, groß zu denken

Die Transformation zur klimaneutralen Wirtschaft ist kein Randthema – sie entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit, Wohlstand und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wer jetzt kleinlich bleibt, riskiert, dass Deutschland den Anschluss verliert.

Es ist Zeit, groß zu denken: mit staatlichen Investitionsgesellschaften, mit einer Reform der Schuldenbremse und mit dem klaren Bekenntnis, Zukunft nicht dem Finanzmarkt zu überlassen, sondern demokratisch zu gestalten.

]]>
https://schirmer.net/politik-gesellschaft/mut-statt-mangelverwaltung-deutschland-braucht-echte-investitionen-nicht-halbe-schritte/feed/ 0
Warum Wettenberg auch bei mittlerer Standortgüte einen Windpark braucht https://schirmer.net/politik-gesellschaft/warum-wettenberg-auch-bei-mittlerer-standortguete-einen-windpark-braucht/ https://schirmer.net/politik-gesellschaft/warum-wettenberg-auch-bei-mittlerer-standortguete-einen-windpark-braucht/#respond Fri, 22 Aug 2025 13:53:20 +0000 https://schirmer.net/?p=22 Die Gemeinde Wettenberg hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Klimaneutralität bis 2035. Dieses Ziel erfordert konsequentes Handeln, und erneuerbare Energien spielen dabei eine Schlüsselrolle. Doch was tun, wenn der mögliche Standort für einen Windpark nur eine „mittlere Güte“ aufweist? Ist das Projekt dann noch sinnvoll?

Die Antwort ist klar: Ja – unbedingt!


1. Klimaneutralität braucht lokale Energieerzeugung

Um bis 2035 klimaneutral zu werden, muss Wettenberg seinen Energiebedarf weitgehend aus erneuerbaren Quellen decken. Photovoltaik allein reicht nicht: Solarenergie ist wetter- und tageszeitabhängig. Windkraft ergänzt PV ideal, weil sie vor allem im Herbst, Winter und nachts Strom liefert. So entsteht eine verlässlichere Gesamtversorgung.


2. Mittlere Güte heißt nicht unbrauchbar

Ein Standort mit mittlerer Windgüte bedeutet nicht, dass der Windpark ineffizient wäre. Moderne Windkraftanlagen sind leistungsfähig, leise und auch bei geringeren Windgeschwindigkeiten wirtschaftlich. Schon heute können Anlagen mit über 200 Metern Nabenhöhe auch in Mittelgebirgsregionen eine hohe Jahresstromproduktion erreichen.


3. Regionale Wertschöpfung und Unabhängigkeit

Ein eigener Windpark bringt der Gemeinde nicht nur klimafreundlichen Strom, sondern auch ökonomische Vorteile:

  • Einnahmen aus Pachten und Gewerbesteuern
  • Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger:innen
  • Reduzierte Abhängigkeit von fossilen Importen und schwankenden Weltmarktpreisen

4. Vorbildfunktion und Glaubwürdigkeit

Wenn Wettenberg Klimaneutralität bis 2035 ernst meint, muss die Gemeinde alle verfügbaren Potenziale ausschöpfen. Der Bau eines Windparks – auch an einem Standort mittlerer Güte – sendet ein klares Signal: Wir handeln jetzt, nicht irgendwann. Das stärkt die Glaubwürdigkeit lokaler Klimapolitik und wirkt motivierend für Bürger:innen und Unternehmen.


5. Der Mix macht’s

Klimaneutralität wird nicht durch ein einzelnes Projekt erreicht. Photovoltaik, Windkraft, Energiesparen, Speicher und Effizienzmaßnahmen greifen ineinander. Ein Windpark ist dabei ein unverzichtbarer Baustein, selbst wenn die Bedingungen nicht perfekt sind.


Fazit

Die Energiewende gelingt nur, wenn wir Chancen ergreifen – auch dort, wo die Rahmenbedingungen nicht ideal erscheinen. Ein Windpark in Wettenberg ist deshalb nicht „zweite Wahl“, sondern eine Investition in die Zukunft der Gemeinde, in Versorgungssicherheit, Klimaschutz und regionale Wertschöpfung.

👉 Wer 2035 klimaneutral sein will, muss 2025 handeln.

]]>
https://schirmer.net/politik-gesellschaft/warum-wettenberg-auch-bei-mittlerer-standortguete-einen-windpark-braucht/feed/ 0
Das Leben ist vielfältig – Energiewende global https://schirmer.net/politik-gesellschaft/das-leben-ist-vielfaeltig-und-schoen-auch-global-gedacht/ https://schirmer.net/politik-gesellschaft/das-leben-ist-vielfaeltig-und-schoen-auch-global-gedacht/#respond Fri, 22 Aug 2025 13:44:16 +0000 https://schirmer.net/?p=18 Das Leben zeigt sich in unzähligen Farben, Formen und Perspektiven. Diese Vielfalt ist ein Geschenk – und sie macht deutlich: Unser eurozentrischer Blick ist oft eng. Wer den Mut hat, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, entdeckt inspirierende Denkweisen, Lebensweisen und Lösungen.

Gerade bei großen Zukunftsaufgaben wie der Energiewende lohnt sich dieser Perspektivwechsel. Während wir in Deutschland noch ringen, sind andere Länder bereits deutlich weiter und setzen Maßstäbe:

  • Costa Rica: Schon 2019 deckte das Land über 98 % seines Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen. Möglich wurde das durch eine Kombination aus Wasserkraft, Wind- und Geothermieanlagen – und durch konsequenten politischen Willen (Borgen ProjectWorld Future Council).
  • Marokko: Mit dem Noor-Solarprojekt in Ouarzazate betreibt Marokko eines der größten Solarkraftwerke der Welt (580 MW). Es reduziert massiv die Importabhängigkeit von fossilen Brennstoffen und positioniert das Land als künftigen Exporteur von grünem Strom (Borgen ProjectPower Technology).
  • China: Kein Land treibt die Energiewende schneller voran. Bereits 2024 installierte China 357 GW neue Wind- und Solarkapazität – damit war das 2030-Ziel sechs Jahre früher erreicht. Aktuell stammen rund 74 % aller weltweit im Bau befindlichen Wind- und Solarprojekte aus China (AP NewsFinancial TimesGlobal Energy Monitor).
  • Dänemark: Das Land erzeugte 2023 bereits 60 % seines Stroms aus Windkraft und deckte 2024 ganze 88 % seiner Nettostromerzeugung aus erneuerbaren Quellen. Damit ist es europaweit führend (Our World in DataInvest in Denmark).

Impuls

Diese Beispiele zeigen: Das Leben ist nicht nur vielfältig – die Zukunftswege sind es ebenso. Wenn wir bereit sind, unsere eurozentrische Brille abzusetzen, können wir lernen, wie andere Gesellschaften mutig vorangehen.

Vielfalt erweitert nicht nur unseren Horizont – sie macht das Leben reicher, schöner und zukunftsfähiger.

👉 Lasst uns neugierig bleiben und die globalen Perspektiven aktiv einbeziehen. Denn die Energiewende ist kein deutsches oder europäisches Projekt – sie ist eine gemeinsame Aufgabe der Menschheit.

]]>
https://schirmer.net/politik-gesellschaft/das-leben-ist-vielfaeltig-und-schoen-auch-global-gedacht/feed/ 0